07.07.2018 > Die Bilder von Bietigheim und Germares sind online / Nächstes Lager am 14.-15.07. in Weinheim <

"Gleich fertig", ruft Tamer (Christian Flögel) seinem Clan zu und dreht noch einmal den Braten am Spieß über dem offenen Feuer. Das Gemüse ist schon aufgetischt. "Das Essen wird schnell kalt, wenn man draußen isst", sagt Rasul (Wolfgang Wallenwein) lachend und schiebt sich ein großes Stück von dem warmen Teigfladen in den Mund. Hungrig macht es, das Lagerleben. Schließlich haben die acht "Krieger der Steppe Oftersheim", einer der rund 40 Stämme auf dem Ochinheimer Mittelaltermarkt, schon einen langen Tag hinter sich.

Hier ein bisschen für das Gewand nähen, dort etwas reparieren, einmal über den Markt schlendern: Obwohl die Uhren im Gartenschaupark langsamer ticken, scheint die Zeit schnell vorbeizugehen. "Man braucht halt für alles länger", sagt Biba (Sabine Wilhelm), während sie das Mahl auf die Tonteller verteilt. Um zu kochen, müsse erst zwei Stunden Holz gehackt, um Geschirr zu spülen, erst Wasser erhitzt werden. Doch genau das ist es, was die Gruppe, die sich vor rund einem Jahr gegründet hat, am Lagerleben schätzt. "Wir haben alle einen Job und Hektik daheim, hier kann man vom Alltag richtig abschalten", findet Abal (Stefanie Fein).

In der Sommerzeit tauschen die "Krieger der Steppe" fast jedes Wochenende auf Mittelaltermärkten das 21. Jahrhundert gegen die Zeit von 530 bis 860 nach Christus, das Frühmittelalter, ein. "Wir sind eine awarische Gruppe und stammen von den Hunnen ab", verrät Yul (Karlheinz Wilhelm). Die vielseitige Darstellung mit Rüstungen, Gewändern und Fellen ist hierfür ein Indiz. Mit Fasching habe das aber nichts zu tun, macht Tamer deutlich, als er dem Grill den Rücken gekehrt und an der Tafel Platz genommen hat: "Das sind keine Kostüme, sondern Gewandungen. Das ist kein Campingplatz, sondern ein Lager." Und das strotzt vor Gemütlichkeit, gerade bei Einbruch der Dunkelheit, wenn es vom Licht der Fackeln erfüllt wird.

Felle halten warm

In drei Zelten hausen die Oftersheimer Krieger, wohnlich eingerichtet als würden sie mehr als vier Tage hier verbringen wollen. Selbstgezimmerte Betten sind darin aufgeschlagen. Die Matratzen - ein Luxus der Neuzeit - sind mit Schafs-, Kuh- und Alpakafellen überzogen. Als Kleiderschrank fungieren hölzerne Truhen. An den Zeltwänden hängen Pferdeschweife zur Deko. Die Utensilien für ihre Einrichtung findet die Mittelaltergruppe auf dem Flohmarkt oder beim Sperrmüll. "Was andere Leute wegwerfen, ist für unser Lager gerade gut genug", sagt Dämona Aranea (Dominique Flögel), ein Frettchen auf ihrem Schoß kraulend.

Obwohl die Truppe das Mittelalter lebt, setzt sich die Gegenwart hier und da immer mal wieder durch: Gegessen wird das, was schmeckt, und nicht das, was man auch schon im Jahre 530 nach Christus hätte essen können. Ganz authentisch ginge es ohnehin nicht, sagt Tamer: "Man muss sich der Moderne anpassen. In jedem Lager muss ein Feuerlöscher stehen, wir reisen nicht mit Pferden an und gehen auf normale Toiletten anstatt eine Grube auszugraben."

Obwohl die Nacht das Lager schon fast verschluckt hat, lässt sich in den Blicken der Krieger ein bisschen Wehmut ablesen, nähert sich der Mittelaltermarkt doch bald schon seinem Ende. Die Zeitreise ist für die Oftersheimer mehr als nur ein Hobby. Es ist eine Leidenschaft, für die sie gerne ihren Urlaub opfern, bei Regen in Felle gewickelt im Zelt übernachten und auf Strom verzichten. Nur eines vermissen sie dennoch: "Die Hygiene. Da sind wir vom 21. Jahrhundert ganz schön verwöhnt."

© Hockenheimer Tageszeitung, Montag, 03.06.2013